Ello – das bessere Facebook?

Das soziale Netzwerk schlechthin ist, ohne Frage, Facebook. Millionen von Menschen aller Altersklassen kennen und nutzen die Social Media-Plattform, die 2004 von Mark Zuckerberg gegründet wurde. Doch zehn Jahre nach Beginn der Erfolgsgeschichte ist die Kritik an Facebook mittlerweile trotz steigender Userzahlen größer als die Begeisterung. Vor allem die nicht unbedingt nutzerfreundliche (sprich: sympathische) Bedienung der Seite wird oft bemängelt: die stetig steigende Zahl an Werbeanzeigen, der mangelnde Datenschutz (siehe Blogeintrag zu Datenbestimmungen bei Facebook 2015) und der Zwang, nur Klarnamen zu verwenden, hat bereits den ein oder anderen Nutzer dazu verleitet, sich nach einer Alternative umzusehen.

Ello startet Gegeninitiative zu Facebook

Eine dieser neuen Alternativen ist die Plattform Ello, die im September 2014 mit ihrer Beta-Version online gegangen ist. Die Gründer von Ello verstehen ihre Seite als kompletten Gegenentwurf zu Facebook und kontern mit Funktionen, die Facebook seinen Nutzern verwehrt beziehungsweise verdorben hat. Das Motto „You are not a product“ ziert das Ello-Manifest und macht den Namen zum Programm. Mit keinerlei Werbung und „echtem“ Datenschutz wollen die Gründer ihre Plattform den Nutzern schmackhaft machen.

Das Motto: You are not a product!

Entstanden ist das Projekt Ello in Boulder, Colorado (USA) Anfang 2014 – und schon nach kurzer Zeit explodierten die Userzahlen. Im Oktober 2014 hat Ello bereits über 1 Millionen Nutzer zu verzeichnen, weitere 3 Millionen befinden sich angeblich in der Warteschleife. Denn eine Besonderheit der Plattform ist es, dass zukünftige Nutzer sich nur per E-Mail-Einladung von Ello oder von Ello-Nutzern registrieren können.
Doch kann diese neue Social Media-Alternative dem Riesen Facebook tatsächlich Konkurrenz machen? Und ist hier wirklich alles Gold was glänzt? Wir haben uns des Netzwerks einmal angenommen und es auf Herz und Nieren geprüft!

Ello im Überblick – Vor- und Nachteile

Die drei Hauptpunkte, durch die sich Ello von anderen sozialen Netzwerken abheben will, sind:

  • Verzicht auf Werbung
  • Keine Weitergabe von Nutzerdaten an Dritte
  • Kein Klarnamen-Zwang

Durch diese Punkte ergeben sich auch schon die Grundbedingungen für die Nutzerschaft: dank funktionaler Schlichtheit im Design und einem „angenehmen, wenig geschäftsmäßigen“ Grundton haben sich besonders kreative Menschen dem Netzwerk Ello verschrieben. Hier rückt auch die Freizügigkeit, die Ello seinen Nutzern bietet, in den Vordergrund. Besonders die Schwulen- und Lesbenszene profitiert von der neuen Toleranz und auch Transgender-Nutzer erfahren hier keinen Klarnamen-Zwang, für den Facebook so oft kritisiert wird (so beispielsweise im Klarnamen-Streit mit Transvestiten im Oktober 2014). Darüber hinaus können aufdringliche oder nervige User auch geblockt werden.

Doch auch hinter dem vermeintlich „echten“ Datenschutz verstecken sich einige Haken. So halten sich die Gründer in der Sicherheitserklärung doch die eine oder andere Hintertür offen: Daten können unter Umständen an Dritte weitergegeben werden, wenn es die Zusammenarbeit mit diesen erfordere.
Da Ello kostenlos nutzbar ist und auch gänzlich auf Werbung verzichtet, stellt sich die Frage nach dem Gewinn für Ello: Die Antwort, so die Gründer, liege in sogenannten Zusatzfeatures, die dann in Zukunft gegen Gebühr genutzt werden können. Außerdem ist da noch der Ello Merchandise-Shop, in dem T-Shirts mit Ello-Logo und ähnlichem gekauft werden können. Dass damit jedoch keine großen Gewinne erzielt werden können, versteht sich wohl von selbst.

Ello – ein Überblick über Einstellungen, Funktionen und Nutzung

Ello Startseite

Simple, beautiful & ad free: Die Startseite von Ello.

Funktionen

Wie bereits erwähnt, stellt Ello seinen künftigen Nutzern die erste Hürde bereits bei der Registrierung: Beitreten kann dem Netzwerk nur, wer entweder durch einen Freund eine E-Mail-Einladung erhalten hat, oder sie auf der Seite selbst angefordert hat. Ebenfalls ein Manko: Noch ist Ello nur auf Englisch verfügbar.

Ello Invitation Request confirmed

Nach Bestätigung der E-Mail-Adresse heißt es… abwarten.

Ist dann nach geraumer Wartezeit einmal die Einladung im E-Mail-Postfach eingetroffen (wir hatten Glück und konnten den Vorgang dank einer Einladung durch einen Bekannten beschleunigen), so kann es gleich losgehen. Was zuerst auffällt, ist das Design. Ello überrascht durch Minimalismus und Übersichtlichkeit, so ganz anders als der Konkurrent Facebook. Nur die Profilbilder der User bringen etwas Farbe ins Spiel. Ähnlich wie auf Facebook und Twitter ist es dem Nutzer möglich, ein Avatar sowie einen Header hochzuladen, wodurch das Profil individuell gestaltet werden kann.

Doch werfen wir erst einmal einen Blick auf die Einstellungen. Auch hier gilt: Weniger ist mehr! Das Menü ist klar gegliedert und auch bei den Einstellungen zur Privatsphäre punktet Ello durch simple „Ja“/„Nein“-Buttons. Die Verwirrung der Privatsphäre-Einstellungen von Facebook ist passé – und auch eine Funktion zum Ausschalten von Google Analytics während des Besuchs auf Ello ist möglich.

settings ello

Klar strukturiert: Ello punktet im Menü „Einstellungen“ durch funktionale Schlichtheit.

In den Profileinstellungen spiegelt sich ebenfalls die Freizügigkeit wider, für die Ello besonders in der Schwulen- und Lesbenszene so beliebt ist: Ello-Nutzern ist es, im Gegensatz zu Facebook-Nutzern, erlaubt, Nacktbilder zu veröffentlichen, wenn sie ihr Profil mit der Warnung NSFW („Not safe for work“) versehen. Ebenso ein Vorteil: Das Löschen des Profils geht bei Ello im Nu.

Ello privacy settings

Neuheit: Ello-User können auch Nacktbilder veröffentlichen, wenn sie ihr Profil vorher entsprechend kennzeichnen.

In seiner Funktionalität erinnert Ello dabei sehr an das frühe Twitter. Statt Freunden hat man hier Follower, deren Kanal man abonnieren kann, sodass deren Posts auf einer Timeline erscheinen. Unterscheiden kann man hier zwischen Freunden und „Noise“, wobei letzteres als eine Art „Hintergrundrauschen“ definiert werden kann. Dadurch entstehen zwei verschiedene Timelines, wobei die Noise-Timeline eher für Leute oder Posts vorgesehen ist, für die man sich nur indirekt interessiert.

Friends vs Noise

Friends versus Noise: Ello bietet zwei verschiedene Timelines.

Besonders wichtig, nicht nur für die LGBT-Community: Ello bietet Nutzern die Möglichkeit, andere User entweder stummzuschalten oder direkt ganz zu blocken.

Muting und Blocking

Nein danke: Ungewollten Nutzern kann der Zugang zum Profil verweigert werden.

Fehlende Features: „Coming Soon“

Ein großes Manko stellt hingegen die Ello-Suchfunktion dar, was natürlich mit dem Beta-Status der Seite zusammenhängt. Die Suche funktioniert noch lange nicht so, wie sie sollte. Und auch Funktionen wie die „Love“-Funktion, Ellos Gegenstück zu Facebooks „Like“-Button ist noch in Bearbeitung, genauso wie ein Emoji-Index (momentan können Emojis nur über die Eingabe des entsprechenden Codes integriert werden). In Zukunft sollen die Nutzer auch Zugang zu einem Privatnachrichten-System haben, sowie eine offizielle mobile Ello-App für iOS und Android herunterladen können. Ello bietet in seiner Feature List eine Auflistung bereits umgesetzter und noch ausstehender Funktionen, sodass Nutzer und auch Außenstehende sich einen Überblick über den aktuellen Stand verschaffen können.

Highlights

Einige Funktionen beziehungsweise Ideen sind wohl „ello-einzigartig“ und stechen durch ihre Kreativität hervor, so beispielsweise das klare, minimalistische und funktionale Design, welches komplett in den Farben Schwarz, Weiß und Grau gehalten ist. Außerdem ist die Hilfefunktion erwähnenswert, die einfach frech „WTF“ („What the fuck“) betitelt ist. Und wer schon lange keine Lust mehr auf Facebooks „Like“-Funktion hat, der findet vielleicht an Ellos „Toastbrot-Emoji“ Gefallen. Da sich die Seite noch im Beta-Modus befindet und weder das Pendant zu Facebooks „Like“-Funktion, noch ein „Teilen“-Button umgesetzt sind, versehen User die Beiträge, die ihnen gefallen, kurzum mit einem Toastbrot-Emoji.

Ello Shop

Jedem Ello-Nutzer bereits bestens bekannt: der Toastbroat-Emoji, hier auf einem Shirt aus dem Ello Merchandise Shop.

Fazit

Der Selbsttest hat gezeigt, dass Ello durch einige neue Funktionen beeindruckt. Besonders das übersichtliche Menü für die Kontoeinstellungen ist positiv hervorzuheben. Doch Ello bereits nach so kurzer Zeit als Facebook-Konkurrenten zu sehen, wäre übertrieben. Die weiterhin steigende Nutzerzahl und Popularität von Facebok machen es neuen Social Media-Seiten aller Art schwer, den Marktführer von seinem Thron zu stoßen. Vielmehr sollte man Ello als einen Gegenspieler und als Facebook-Alternative betrachten, denn schließlich stehen hier die Nutzer und die nutzerfreundliche Bedienung im Vordergrund. Ein kleiner Trost für Ello und andere Facebook-Konkurrenten: Trotz steigenden Nutzerzahlen verliert der Gigant Facebook an Attraktivität für eine der wichtigsten Zielgruppen, nämlich die Jugend. Dies ist vor allem in den Vereinigten Staaten der Fall, wo junge Leute zu anderen Netzwerken wie beispielsweise Twitter oder Tumblr abwandern, da deren Eltern auch den Zugang zu Facebook gefunden haben.
Die Zukunft von Ello ist jedoch fragwürdig, vor allem nachdem der Hype des Vorjahres sich gelegt hat und Ello sich nun im Alltag beweisen muss: Noch umzusetzende Funktionen unterscheiden sich kaum von denen auf Facebook und auch die Frage der Finanzierung der Seite steht noch in den Sternen. Wer jedoch genug von Facebook und seinen undurchsichtigen Datenschutzrichtlinien hat, dem bietet Ello eine kreative, werbefreie Alternative mit dem Versprechen, “alles anders zu machen”.
In diesem Sinne – Wir vergeben 3/5 Toastbroat-Emojis an Ello!toasttoasttoast

Das könnte dich auch interessieren

Hinterlasse einen Kommentar